Erdmuthe Sturz


1950 - 2010

Portraitfoto

Zum Leben


von Erdmuthe Sturz


Gekürzte Fassung des Nachrufs von Dr. Hans-Josef Schöneberger

Letzte Änderung : 26.02.2017, 15.48 Uhr

Liebe Trauergemeinde,
wir verabschieden uns heute von einer außergewöhnlichen Frau: Erdmuthe Sturz besaß herausragende Talente und vielseitige Interessen.
Ein Beispiel dafür war ihre Sprachbegabung. Wann immer sie in ein Land reiste, eignete sie sich vorher zumindest rudimentäre Kenntnisse der jeweiligen Sprache an.
Und sie reiste gern und viel. So sind im Laufe der Jahre einige Sprachkenntnisse zusammen gekommen.
Sehr gut beherrschte sie - neben ihrer Muttersprache Englisch, Französisch, Italienisch und natürlich Latein. In all diesen Sprachen las sie in ihrer Freizeit Romane und andere Literatur.
Hinzu kamen Altgriechisch, Spanisch und - mehr oder weniger - Russisch, Türkisch, Neugriechisch, Bulgarisch, Dänisch, Polnisch, Tschechisch sowie einige Brocken Schwedisch. Zur Freude ihres Ehemannes Franz-Josef, der ja in Bonn geboren ist, erweiterte sie ihr Repertoire mit der Zeit auch immer mehr durch die rheinische Mundart "Kölsch".
Anlass ihrer Reisen war häufig der Besuch von Tanz-Workshops. Sei es in Griechenland, Bulgarien, England, Österreich oder auf der Hallig Hoge - Erdmuthe machte sich oft in ihren Ferien auf den Weg, um zu tanzen. Gut 30 Jahre lang ist sie in ihrer Tanzgruppe aktiv gewesen, die sich vor allem internationalen Volkstänzen widmet. Entstanden war der Kreis einst um den Tanzmeister Bernhard Wosien, der damit die Ausbildung von Sonderschullehrern bereichern wollte.
Erdmuthe war auch sehr musikalisch.
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Sie selbst spielte Cembalo und Klavier, Orgel und Gitarre sowie seit 2007 auch Trommel. Schon als Jugendliche half sie in benachbarten Pfarrgemeinden als Organistin aus.
Erdmuthe sang auch, und zwar im Lehrer-Eltern-Chor der Marburger
Elisabethschule und in einem Chor, den Rainer Husel bei der Volkshochschule Marburg aufgebaut hatte.
Und sie sang auch im Kölner Karneval, wenn sie wieder einmal zusammen mit Franz-Josef dorthin gereist war, um die "Bläck Fööß" life zu erleben.
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2009 und 2010 nahm sie sogar an einem Clowns-Workshop teil. Unvergessen ihre selbst erarbeitete Nummer, bei der sie Zwiesprache mit ihrer Krücke hielt, die sich den Aufforderungen ihrer Benutzerin hartnäckig widersetzte und im wahrsten Sinne des Wortes querlegte.
Erdmuthe war auch ein sehr politischer Mensch. Ihre Themen waren vor allem Natur- und Umweltschutz, Frieden und Völkerverständigung, Soziale Gerechtigkeit .
So war sie Gründungsmitglied der Marburger Kreisgruppe im Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), und sie war stolz darauf. Doch sie sprach nicht nur von Umweltschutz, sie lebte ihn auch, und zwar mit der ihr eigenen Konsequenz.
Das Projekt "Ferien vom Krieg" des Komitees für Grundrechte und Demokratie lag ihr besonders am Herzen. Dabei können Kinder von Konfliktparteien ihre Ferien gemeinsam verbringen, fernab der Krisengebiete, fernab der Bedrohung. Finanziert wird das Projekt mit Hilfe von Spenden.
Und für Soziale Gerechtigkeit hat sie sich in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) eingesetzt, die sie auch im Personalrat der Elisabethschule vertrat. Als dessen Stellvertretende Vorsitzende ab Mai 2000 und von 2001 bis 2003 als Vorsitzende setzte sie sich vor allem für eine gerechtere Verteilung der Arbeitsbelastung ein.
Zusammen mit ihrem Ehemann bereitete sie auch die Preisverleihungen für das Marburger Leuchtfeuer für Soziale Bürgerrechte mit vor. Und auch andere Veranstaltungen der Humanistischen Union (HU) hat sie tatkräftig unterstützt.
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Erdmuthe Sturz war 1950 in Frankenberg an der Eder geboren worden. Ihre Eltern waren Heimatvertriebene aus dem Sudetenland.
Aufgewachsen war sie in Darmstadt, wo sie zunächst die Grundschule und dann das Gymnasium besucht hatte. 1968 hatte sie dort ihr Abitur abgelegt.
Anschließend hatte sie in Frankfurt Altphilologie und Anglistik für Lehramt studiert. Ihr Studium war in die Zeit der 68er Studentenbewegung gefallen, die auch an Erdmuthe nicht ganz wirkungslos vorbei gegangen war. Schließlich war die Frankfurter Uni eine der Hochburgen des Befreiungsschlags vom "Mief der tausend Jahre" gewesen.
Nach dem Ersten Staatsexamen 1974 hatte Erdmuthe ihr Referendariat in Idstein im Taunus absolviert. Nach einem kurzen Intermezzo an der Gesamtschule Ober-Roden hatte sie von 1976 bis 1978 am Neusprachlichen Gymnasium in Mayen in der Eifel unterrichtet.
15 Jahre lang hatte sie dann an der Gesamtschule Stadtallendorf gearbeitet, die heute den Namen "Georg-Büchner-Schule" trägt. 1993 war sie zur Elisabethschule nach Marburg gewechselt.
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Im Gedächtnis geblieben ist eine Unterrichtseinheit in Stadtallendorf: Als im Englischbuch die Kinderarbeit Ende des 19. Jahrhunderts in England thematisiert wurde, brachte Erdmuthe der Klasse einen aktuellen Zeitungsbericht über Kinderarbeit in kolumbianischen Bergwerken mit. Tief betroffen und voller Eifer schrieben die Schüler daraufhin Briefe, natürlich auf Englisch, an die kolumbianische Botschaft und die Regierung sowie an die "International Labour Organisation" (ILO), um die Abschaffung der menschenunwürdigen Zustände einzufordern.
In Erinnerung geblieben ist aber auch jene bilinguale Klasse an der Elisabethschule, die Erdmuthe an den Rand der Verzweiflung getrieben hat. Und sie war offenbar nicht die einzige Lehrkraft, die das Mobbing der verwöhnten Zöglinge anspruchsvoller Eltern im wahrsten Sinne des Wortes krank gemacht hat.
Oder ist es Zufall, dass in den letzten Jahren zwölf Lehrende der Elisabethschule an Krebs oder am Burning-Out-Syndrom erkrankt sind? Sind die Arbeitsbedingungen dort noch menschlich?!
Am Ende war Erdmuthe jedenfalls heilfroh, als die Freistellungsphase ihrer Altersteilzeit begann. In vollen Zügen wollte sie das Leben genießen.
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Bis zuletzt hatte Erdmuthe immer noch auf Heilung gehofft. Ihr Motto "Et kütt wie et kütt un et hätt noch immer jood jejange" hat sie dem "Kölschen Jrundjesetz" entnommen. Der alljährliche Besuch des rheinischen Karnevals spendete ihr und ihrem Franz-Josef gerade bei der Bewältigung der todbringenden Krankheit immer wieder Kraft und Lebensfreude.
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Wenige Tage vor ihrem Tod habe ich Erdmuthe in ihrer Wohnung besucht. Und war erstaunt, wie offen und gelassen die Todkranke war!
In ihrer zarten - geradezu zerbrechlich wirkenden - Art war sie zugleich sehr stark und tapfer. Wenngleich sie mit der linken Hand wegen einer Behinderung aus Kindertagen nicht gut greifen konnte, war sie doch eher ein zupackender Mensch. Große Worte behagten ihr hingegen weniger.
Viele weitere Bilder von Erdmuthe werden der Einen oder dem Anderen nun wohl wieder ins Gedächtnis kommen. Wie ein farbiges Puzzle könnte man ihr Leben aus tausenden von Einzelteilen zusammenfügen. Und bekäme doch immer nur ein kleines Stück von dem, was sie uns allen geschenkt hat!
Neben ihrer Mutter und ihrem Ehemann sind es vor allem die Bekannten aus der Tanzgruppe und die Schulfreundinnen, die Erdmuthe über viele Jahre hinweg begleitet haben. Den Kontakt zu einigen von ihnen hat sie 50 Jahre lang gepflegt!
Freundschaften waren auch der Grund dafür, dass Mutter und Mann ihre Erdmuthe in den letzten Wochen nicht alleine pflegen mussten. Große Solidarität bewiesen Bekannte und Freunde, die für die Kranke kochten oder ihre Angehörigen stundenweise entlasteten.
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Als eine Freundin Erdmuthe in ihrem Tanzkleid auf dem Totenbett liegen sah, meinte sie: "Sie sieht aus wie eine Prinzessin!"


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